Ist 60 das neue 40?

Ich bin im Januar 60 geworden. „60 ist das neue 40“, diesen Satz hatte ich irgendwann gelesen und musste wieder daran denken. Und schmunzeln.
Ich verstehe, was damit gemeint ist. Oder zumindest glaube ich das. Dass wir mit 60, ich spreche hier bewusst aus der Perspektive einer Frau, ganz anders fühlen, agieren und leben als die Generation vor uns. Dass sich ein neues Narrativ entwickelt hat. Langsam, aber spürbar. Nicht zuletzt dank neuen Role Models in den Medien.
Neue Bilder im Vergleich zu dem, was lange galt bzw. immer noch in den Hinterköpfen kursiert. Die Frau um die 60, die Kuchen backt oder Pullover für die Enkelkinder strickt. Die sich zunehmend aus dem aktiven Leben verabschiedet. Lieb, aber irgendwie weltfremd. Denn die Realität, die ich um mich herum sehe, sieht anders aus. Frauen meiner Generation, die Unternehmen gründen. Die reisen, oft allein. Die sich neu verlieben. Die sich neu erfinden.
Die Lebensmitte hat sich verschoben und das ist gut so
Eine Erklärung liegt auf der Hand: Wir leben länger. Die statistische Lebensmitte liegt für viele von uns heute eher um die 50, anstatt 40, wie es frühere Generationen erlebt haben. Das verschiebt Einiges: die Erwartungen, die Pläne, das Gefühl, wo man im Leben steht.
Und dann ist da noch etwas, das ich aus eigener Erfahrung kenne: die Fünfziger sind Transformationsjahre. Für viele Frauen meiner Generation ist das die Zeit des großen Aufbruchs, privat oder beruflich. Die berühmt-berüchtigte Midlife-Crisis kommt oft kurz vor oder eher um die 50. Die Kinder werden selbstständig bzw. sind aus dem Haus. Eine langjährige Partnerschaft wird in Frage gestellt oder endet. Oder man schaut in den Spiegel und erkennt sich schlicht nicht mehr und entscheidet sich, es noch einmal zu wagen. Nach dem Motto. War das alles? Was ist aus mir geworden?
Mit 40 funktioniert und jongliert man – mit 60 wählt man bewusster
Wenn ich zurückdenke, wie meine Vierziger waren: Das war die Zeit des Multitaskings schlechthin. Selbständigkeit, Kind im Gymnasium, Freundschaften und die eigene Partnerschaft pflegen. Ich war ständig im Einsatz. Ich hatte das Gefühl, überall gebraucht zu werden und dabei kaum Zeit, mich selbst zu fragen, was ich eigentlich will. Ich war viel im Funktioniermodus.
Mit 60 ist das anders. Viele Verpflichtungen, die das Leben mit 40 so fordernd gemacht haben, fallen weg oder haben sich zumindest verwandelt. Natürlich entstehen neue Aufgaben, neue Verantwortung. Aber es gibt auch echten Freiraum. Und damit etwas, das ich mit 40 kaum kannte: die Wahl. Die Wahl, womit ich meine Zeit fülle. Mit wem. Für was.
Hinzu kommt etwas, das ich für ein großes Geschenk halte. Mit 60 weiß ich immer mehr, wer ich bin. Ich habe Fehler gemacht und aus ihnen gelernt. Ich kenne immer mehr meine Stärken und meine Grenzen. Und habe eine gesunde Distanz und ein Wissen, die ich mit 40 definitiv noch nicht hatte.
Die Wechseljahre als Wendepunkt anstatt Endpunkt
Ich kann das Thema Wechseljahre nicht übergehen, denn für viele Frauen sind sie das Scharnier zwischen dem, was war, und dem, was kommt. Im Nachhinein Körperlich, emotional, in den Rollen, in der Art, wie wir Dinge angehen. Die Wechseljahre kündigen nicht das Ende der aktiven Zeit an. Sie kündigen eine Transformation an.
Unser Gehirn ist auf lebenslanges Lernen ausgerichtet. Wer sich in diesem Lebensabschnitt neu orientiert, neue Impulse sucht, sich herausfordert, hält sich nicht nur geistig und körperlich fit. Sie lebt.
Also: Ist 60 das neue 40?
Ich sage: 60 ist nicht das neue 40. Jede Phase hat ihre Pros und Contras. Und es braucht aus meiner Sicht keinen Vergleich zwischen 2 Zahlen. Was ich heute lebe, ist kein zweites 40. Nicht einer Verlängerung der Jugend. Sondern etwas ganz anderes. Und genau das macht diese Lebensphase spannend.
Nicht unbedingt besser oder leichter als 40. Das wäre gelogen. Angefangen von der äußerlichen „Hülle“. Auch wenn viele von uns definitiv „jünger“ aussehen“ als die Generationen davor. Der Blick in den Spiegel ist an manchen Tagen eher ernüchternd. Der Körper verändert sich und das muss erstmal angenommen werden…
Was neu ist: Das Leben mit 60 wird mehr aus dem Inneren heraus gestaltet. Weniger von Außen diktiert. Authentischer. Weil wir reifer, aufgeräumter, klarer und freier sind. Weil wir Stück für Stück erkennen, was uns wirklich wichtig ist. Weil wir endlich anfangen dürfen, das Leben zu leben, das zu uns passt. Ein Leben mehr nach unserem Geschmack, das sich stimmiger anfühlt. Mehr nach uns aussieht und weniger nach dem, dass wir irgendwann übernommen haben. Oder glauben, erfüllen zu müssen. Und diese Freiheit hatten die frühere Generationen nie. Das ist die größere Revolution dieser Umbruchzeit.
Also: Wenn du gerade um die 50 oder 60 bist und das Gefühl hast, die beste Zeit liegt hinter dir, lade ich dazu ein, diese Annahme zu hinterfragen. Vielleicht steht nämlich erst ein ganz neues Kapitel bevor.
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