Weniger optimieren, wieder mehr genießen

Wann haben wir aufgehört, Dinge einfach aus purem Vergnügen zu tun?
Ich hatte mich gestern nur vergewissern wollen, das der 6te Juli der internationale Tag des Kusses war. Ich wollte in social medien etwas darüber schreiben und eines meiner Gedichte “ Ein leidenschaftlicher Kuss“ teilen, weil Küssen so wunderbar ist. Und Grund genug, gefeiert zu werden.
Und dann las ich in dem KI generierten Text, dass Küssen 30 Muskeln im Gesicht aktiviere, dass es gesundheitsfördernd sei. Nichts über Sinnlichkeit, Leidenschaft, Zuneigung, Verbindung, Gefühle. Dieser wunderschöne Kuss reduziert auf biologische Funktionen… Und ich dachte: Es ist so symptomatisch dafür, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt. Immer mehr weg von uns selbst, vom Vergnügen und Freude, hin zu Optimierung und Effizienz.
Und ich entschied mich in dem Moment, hier darüber zu schreiben.
Wann haben wir aufgehört, Dinge einfach deshalb zu tun, weil sie uns Freude machen?
Die Freude an Bewegung. Das Schwimmen, das schöne Wasser auf dem Körper spüren, die frische Luft beim Laufen, sich mit sich und einem anderen Körper beim Tanzen verbinden. Oder eine ausgewogene Ernährung, bei der ich leckeres, gesundes, saisonales Gemüse vom Markt hole und mich an den Düften erfreue, während ich das Essen vorbereite. Selbst koche, nicht nur für mich, sondern vielleicht auch für Freunde, Partner, Familie. Sich freuen über diesen gesunden, wundervollen Körper, den wir haben. Diese Wertschätzung. Oder einfach auf einem bequemen Sofa liegen, den Tag in Ruhe lassen, nichts tun und glücklich darüber sein.
Stattdessen sind wir in einem Wettrennen geraten, das mehr Frust als Lust erzeugt. Ein Wettrennen gegen uns und das Leben selbst. Ernährung, Sport, sogar Entspannung wurden als Pflichtprogramm in unser Leben eingeführt. Schlaf wird getrackt, jeder Schritt gezählt, sogar die Regeneration überwacht. Selbstoptimierung, Bio Hacking und so weiter. Wir haben die Kontrolle über unseren Körper und unser Leben bis ins kleinste Detail übernommen und verstärkt.
Was ist die Motivation? Ein gesunder Körper, länger leben. Nur bleiben dabei der Spaß, die Freude völlig auf der Strecke. Es bringt uns nicht mehr Lebensqualität, sondern führt uns noch stärker ins Funktionieren. Dieses Funktionieren, das wir im Job sowieso schon erleben, haben wir leider auf sämtliche Bereiche unseres Lebens übertragen.
Wann sind wir falsch abgebogen und haben einen Weg genommen, der uns noch mehr antreibt, noch mehr pusht, uns noch mehr in To‑dos presst? Der Blick morgens auf die App, um zu sehen, ob wir gut geschlafen haben, was die Parameter sagen. Dabei genügt der gesunder Menschenverstand: Wenn ich gerädert bin, braucht mein Körper oder mein Geist mehr Schlaf oder mehr Entspannung. Ich habe mich über meine Grenzen hinweg gesetzt. Das ist es, was wir wieder lernen müssen: die Verbindung zu uns, unserem Körper, zu unserem Umfeld.
Und das haben wir eingetauscht gegen Verbissenheit und Druck. Ich sehe eher angespannte Gesichter als erfüllte. Es führt uns immer weiter weg von uns selbst, hinein in das nächste Korsett, statt in eine tatsächliche Befreiung. Und das ist das, was ich im Laufe der Zeit bemerkt habe: Es geht mir darum, diese Schichten und Korsetts und dieses Muss wegzumachen, statt mir ständig etwas Neues aufzuerlegen.
Wenn ich meinen Schlaf überwache und die App mir zeigt: 90 % Regeneration. Gut, aber was soll es mir sagen? Ich merke doch selbst, ob ich übermüdet bin, ob mein Körper mehr Ruhe braucht. Das zeigt er mir. Wenn mir die Knochen wehtun und ich nicht zur Ruhe komme, weiß ich: Ich habe mir zu viel aufgebürdet, es ist Zeit, einen Gang runterzuschalten und mir zuzuhören. Und was nützt mir eine Anzeige über Regeneration, wenn ich mich im Kopf überhaupt nicht gut fühle? Wenn ich mich nicht erholt fühle? Genau das ist es: die Verbindung zählt mehr als die Zahl. Diese Verbindung zu uns selbst, zum Körper und dem gesunden Menschenverstand, müssen wir wieder lernen.
Denn irgendwann zeigt er uns die Grenzen. Das Tracking sagt: toll, genial. Und trotzdem fühle ich mich völlig daneben. Wenn uns das, was wir tun, nicht nährt, wenn es uns nicht erfüllt, dann sind wir in dieser Effizienzmasche gefangen. Wir optimieren Genuss und Vergnügen weg. Wir tun Dinge nicht mehr aus reinem Vergnügen, weil wir sie lieben und weil sie sich gut anfühlen. Wir können nicht mehr entspannen, weil das schlechte Gewissen mit im Raum sitzt.
Anstatt in eine leckere Frucht zu beißen und zu denken: Wie schmackhaft es ist, wie schön es riecht, wie erfrischend es ist. Anstatt in Ruhe zu genießen und sie als Lebensmittel wirklich zu verstehen, greifen wir lieber zu supplements. Ich spreche nicht von Menschen mit ernsthaften Problemen, sondern von denen, die sich selbst als Projekt sehen.
Wir sind fixiert auf Optimierung. Wo ist die gesunde, lustvolle, genussvolle Mitte? Es gibt keinen Bereich, den wir nicht optimieren. Vielleicht sogar Beziehungen. Und eigentlich sollten wir viel mehr reflektieren und weg vom Funktionieren wollen. Alles, was wir tun, sollte uns aus dem Überleben herausführen, hinein ins Leben, ins Erleben, ins Genießen.
Effizienz ist nicht das Leben. Struktur soll uns dienen und nicht zur Bürde werden. Und vielleicht ist es genau das, was wir wieder lernen dürfen: uns selbst zuzuhören, unseren Körper zu spüren, Freude zuzulassen, Vergnügen nicht zu rechtfertigen, sondern zu leben.
Und küssen? Am besten jeden Tag. Am besten mit geschlossenen Augen. Einfach nur, weil es sich gut anfühlt, uns beflügelt und zwei Menschen näher bringt.
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