Sich neu verlieben: Hat Liebe ein Verfallsdatum?

Können wir uns noch einmal neu verlieben? Hat die Liebe überhaupt eine Altersgrenze, ein Ablaufdatum, ein Verfallsdatum? Wann sind wir zu alt für eine neue Liebe?
Besonders relevant wird diese Frage ab 45, 50, wenn Kinder aus dem Haus gehen, Beziehungen enden oder wir uns neu sortieren, und sie begleitet uns darüber hinaus.
Diese Frage höre ich immer wieder. Manchmal laut, öfter leise. Sie steht zwischen den Zeilen, wenn Frauen – aber auch Männer- von ihrer Trennung erzählen. Oder von einem Menschen, der plötzlich aufgetaucht ist und das Herz ein wenig schneller schlagen lässt. Und dann kommt der Zweifel: Darf ich das noch? Will ich das überhaupt noch?
Diese Sehnsucht bleibt bei vielen von uns. Und dann kommen natürlich immer wieder Einwände und auch Ängste, die total verständlich sind.
Was Erfahrung verändert
Wenn wir einige Jahrzehnte hinter uns haben, bringen wir viel Erfahrung mit. Das gilt im beruflichen Kontext genauso wie in der Liebe und in der Partnerschaft. Das ist ein Geschenk. Aber es gibt auch die andere Seite: Wir haben nicht nur Gutes erlebt. Meistens haben diejenigen, die sich diese Frage stellen, eine Trennung hinter sich, ob selbst initiiert oder nicht, oder vielleicht mehrere unglückliche Beziehungen.
Wenn wir uns mit zwanzig oder dreißig für einen Partner bzw. Partnerin entscheiden, uns in ihn oder sie verlieben, sogar Hals über Kopf verknallen, sind die Kriterien andere. Wir haben noch die rosarote Brille, sehr romantische Vorstellungen. Und dann stellen wir fest: Der Alltag reibt an der Partnerschaft. Vielleicht hatten wir bestimmte Aspekte gar nicht im Blick.
Mit dem älter werden kennen wir uns besser. Wissen besser, was wir nicht mehr wollen und im Idealfall, was uns wichtig ist. Auch in einer Partnerschaft. Wir springen vielleicht nicht mehr auf jeden Zug auf, oder eher gesagt in jede Gelegenheit hinein.
Die Wahl des Partners kann ab diesem Alter auch eine andere sein. Nicht mehr den Vater oder die Mutter der Kinder. Die Elternrolle ist oft vorbei. Wir kennen zwar Menschen, die sich in jemand viel Jüngeren verlieben und das Rad noch einmal neu drehen, mit Familie und Kindern. Aber ich glaube, das wollen viele von uns nicht mehr. Wir haben eine neue Freiheit gewonnen, einen neuen Freiraum. So ging es mir auch.
Wir entdecken uns selbst neu und stehen wieder mehr im Mittelpunkt unseres eigenen Lebens und an erster Stelle. Die Partnerschaft nimmt einen anderen Platz in unserem Leben ein. Vielleicht auf einer Ebene mit Freundschaften. Wir wollen das Leben nicht nur zu zweit erleben.
Meine eigene Geschichte
Als ich mich kurz vor meinem fünfzigsten Geburtstag getrennt habe, wollte ich mich erst wieder ausprobieren und so frei wie möglich bleiben. Mich selbst wiederfinden. Ich war offen, Neues zu entdecken. Freundschaft plus war für mich eine wunderbare Übergangsphase. Ohne große Verpflichtung. Ohne Enge. Das fand ich schön und aufregend.
Zwischendurch wünschte ich mir durchaus mehr Verbindlichkeit. Und doch: Als Männer in mein Leben traten, die sie mir hätten bieten können, haben meine inneren Barrieren und Ängste dafür gesorgt, dass es doch nicht passte. Es wurde mir zu schnell zu verbindlich. Und ich merkte selbst, dass ich meine lieb gewonnene Freiheit nicht aufgeben wollte.
Ich weiß, dass es vielen so geht wie mir damals: der Wunsch und die große Sehnsucht nach Nähe und gleichzeitig die Angst, die Freiheit wieder herzugeben.
Und dies muss auch gar nicht sein. Denn es gibt ganz besonders ab dieser Lebensphase neue Modelle, die jeder für sich bzw. mit dem Partner und Partnerin zusammen entscheiden. Ich glaube auch, dass wir Partnerschaften neu gestalten dürfen. Ich glaube, ich könnte zum Thema ganz viele Artikel schreiben.
Neue Freiheit, neue Formen
Das Schöne ist: Wir haben heute viel mehr Möglichkeiten. Wir müssen nicht heiraten, aber wir dürfen. Manche tun es zum ersten Mal, weil sie endlich jemanden gefunden haben, bei dem es wirklich passt. Und weil sie früher keine Kompromisse eingehen wollten.
Manche leben getrennt und sehen sich am Wochenende. Andere ziehen noch einmal zusammen. Es gibt nicht mehr das eine Bild. Es gibt neue Lebensmodelle, die wir ausprobieren können, und neue partnerschaftliche Modelle. Freier und selbst gewählt. Es gibt ein neues Narrativ für das späte Glück.
Liebe hat viele Gesichter
Was treibt uns an? Liebe ist nicht nur Partnerschaft. Sie beginnt bei mir selbst. Sie lebt in Freundschaften. Und manchmal steckt sie in der Leidenschaft für ein neues Projekt.
Und dann lesen wir diese Geschichten, bei denen uns allen das Herz warm wird. Zwei Achtzigjährige, die sich im Altersheim verlieben. Zwei Siebzigjährige, die sich bei einer Veranstaltung wiedersehen. Wenn man sieht, wie ihre Augen glänzen, wie sie miteinander turteln, weiß man: Liebe kennt keine Altersgrenze. Das Gefühl wird nie alt. Das sind doch ähnliche Schmetterlinge im Bauch, ob mit zwanzig oder siebzig.
Es schlummert vielleicht, manchmal jahrelang. Und dann flammt es auf, auch wenn man längst dachte: Damit habe ich abgeschlossen. Wir können uns neu verlieben. Und die Angst? Sie bleibt trotzdem. Das ist absolut okay.
Also: Kann man sich noch einmal neu verlieben? Ja. Muss man? Nein. Darf man es sich wünschen, sich davor fürchten, es genießen oder auch ganz anders leben? Absolut.
Was meinst du? Welche Erfahrungen hast du gemacht? Schreib mir gern in den Kommentaren. Oder komme Ende November nach Wiesbaden zu meinem Salonabend und tausche dich mit anderen darüber aus. Mehr dazu findest du bald unter Events.
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