Die No-Bullshit-Phase: Ein Privileg des Alters

Es gibt irgendwann diesen Moment – meistens so ab Mitte vierzig, fünfzig – wo man merkt: Ich habe keine Lust mehr auf Bullshit. Und ich meine das gar nicht radikal. Es ist eher ein inneres Aufwachen und Aufräumen. Ein natürlicher Prozess. Eine Mischung aus Erfahrung, Klarheit und dem tiefen Wissen: Meine Zeit ist kostbar. Meine Energie ist kostbar. Und ich verschwende sie nicht mehr.

Ich weiß nicht, ob es an den Hormonen liegt, die unsere Toleranzgrenze sinken lassen, oder einfach daran, dass wir schon so viel erlebt haben. Vielleicht ist es eine Mischung aus beidem. Aber irgendwann ist da dieses Gefühl: Nein. Das mache ich nicht mehr mit. Das tue ich mir nicht mehr an. Und das ist unglaublich befreiend.

Ich lasse mir nicht mehr alles erzählen. Ich nehme nicht mehr alles hin.

Heute spüre ich sehr schnell, wenn etwas nicht stimmig ist. Wenn jemand nicht authentisch ist und das Gespräch nur an der Oberfläche bleibt. Oder Ratschläge erteilt, aber nie wirklich in der Arena war. Und ich merke sofort, wenn meine Energie wegfließt. Das geht ganz schnell. Und dann weiß ich: Nein, das brauche ich nicht mehr.

Ich hatte schon als Kind sehr feine Antennen. Ich habe die Lügen der Erwachsenen bemerkt, die Zwischentöne, das, was nicht gesagt wurde. Und ich habe es ausgesprochen. Nicht immer zur Freude der anderen. Dieser innere Wahrheitsdetektor ist mit den Jahren schärfer geworden.

Es geht natürlich nicht nur um die Anderen. Ich komme inzwischen auch meinen eigenen Ausreden schneller auf die Schliche. Wenn ich selbst meinem inneren Dialog lausche, dann weiß ich: Das, was du gerade denkst, ist jetzt Bullshit. Diese Ehrlichkeit mit mir selbst ist manchmal brutal, aber sie ist auch notwendig. Es ist fast komisch, wie schnell man sich selbst ertappt.

Etwas, was sich auch geändert hat? Ich bin eine sehr gesellige Frau. Ich habe mich mit vielen Menschen getroffen, war überall dabei, habe mich interessiert, war offen. Und ich bin es immer noch, aber ich bin selektiver geworden. Ich frage mich inzwischen: Tut mir das gut? Fühle ich mich lebendig? Oder sitze ich da und werde innerlich unruhig, weil ich spüre, dass es mich nicht nährt?

Ich zwinge mich nicht mehr in diese Höflichkeitskorsetts. Ich gehe nicht mehr zu Treffen, nur weil man das so macht. Ich führe keine Gespräche mehr, bei denen ich innerlich einschlafe. Und das heißt nicht, dass die anderen Menschen falsch sind. Es heißt nur: Es passt nicht mehr zu mir. Nicht zu dem, was mir heute wichtig ist. Nicht zu dem, was ich brauche, um mich lebendig zu fühlen.

Zu der No-Bullshit-Haltung gehört für mich auch der Umgang mit Drama. Ich spreche von künstlich aufgebauschten Stories und negativen Dauerschleifen. Darauf habe ich keine Lust mehr. Nicht auf das Drama der anderen, aber auch nicht auf mein eigenes. Ich merke sofort, wenn ich in alte Muster rutsche, und dann steige ich aus. Einfach raus. Es kostet zu viel Energie, und ich habe Sinnvolleres zu tun.

Interessanterweise habe ich gleichzeitig viel mehr Verständnis für Menschen, die durch schwierige Phasen gegangen sind. Für echte Geschichten. Für Menschen, die mutig waren, die etwas riskiert haben. Aber für diejenigen, die nur reden, ohne je etwas gewagt zu haben, dafür habe ich keine Geduld mehr. Es ist, als würde sich die Spreu vom Weizen trennen. Nicht moralisch. Energetisch.

Diese Klarheit zeigt sich auch im Materiellen. Ich trenne mich viel leichter von Dingen, die ich nicht brauche. Alles, was kein Plus an Freude oder Schönheit bringt, darf gehen. Qualität vor Quantität. Es ist erstaunlich, wie befreiend das ist. Wie viel Raum entsteht, innerlich und äußerlich.

Mit fünfzig spürt man plötzlich, wie kostbar die eigene Zeit ist. Wie wertvoll die eigene Energie ist. Und wie wichtig es ist, sie nicht zu verschwenden. Ich möchte meine Zeit mit Menschen verbringen, die mich inspirieren, die mich berühren, die mich nähren. Ich möchte Gespräche führen, die lebendig sind. Ich möchte Räume, in denen ich wachsen kann. Alles andere fällt ab.

Und vielleicht ist das die größte Veränderung und das Privileg des Alters: Ich kann das mittlerweile ohne schlechtes Gewissen. Weil ich meine Zeit ernster nehme. Weil ich mich ernster nehme und mehr zu mir stehe. Ich sage Nein zu Dingen und Situationen, die nicht zu mir passen. Und dieses Nein ist kein Angriff. Es ist ein Ja zu mir.

Und genau daraus entsteht Klarheit und auch die Leichtigkeit, nach der wir uns alle sehnen. Nicht die oberflächliche Leichtigkeit, die man sich antrainiert. Sondern eine echte, tiefe Leichtigkeit, die sagt: Ich mache das, was mir gut tut. Und ich stehe dazu.

Die No-Bullshit-Phase ist kein Verlust. Sie ist ein Gewinn. Sie ist Klarheit. Sie ist Reife. Sie ist Selbstachtung. Und sie bedeutet nicht, dass wir hart werden. Im Gegenteil. Wir werden weicher und offener für das Wesentliche und freier von dem Unwesentlichen. Wir wissen, was uns nährt oder nicht. Und wir handeln danach.

Das ist die Freiheit, die mit dem Älterwerden kommt. Und ich möchte sie nicht mehr hergeben. 

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2 Kommentare

  1. Das spricht mir aus der Seele, du Wunderbare

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    • Liebe Angela,
      ich danke dir sehr für dein Kommentar. Es freut mich, dass du auch diese Phase so empfindest und lebst.
      Hoffentlich bis bald! Für inspirierende Gespräche 🙂

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Bonjour! Ich heiße Françoise. Schön, dass du da bist.
Ich bin Life Coach für Frauen, Salonière und Autorin.
L’art de vivre und l’art d’aimer – die Kunst des Lebens und des Liebens. Lust und Freude am Leben. Das Leben genießen.
Darum geht es in meinen Coachings für Frauen, meinen Salon-Events und Workshops, in meinen Geschichten und Gedichten, sowie meiner Kolumne.

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